Hadir-Turm: Kulturpolitik auf Stammtischniveau

Vor 5 Monaten, am 27. Mai 2014, hatte die Cosimo, die „Commission des sites et monuments nationaux“, sich einstimmig für die Einschreibung des Hadir-Turms ins „zusätzliche Inventar“ der nationalen Monumente ausgesprochen. Damit stimmte sie dem Gesuch verschiedener Differdinger Bürger zu, die sich für den Schutz dieses einmaligen architektonischen Erbes Differdinger Industrie- und Sozialgeschichte einsetzten. Und dies zu Recht, da  der Hadir-Turm ein einmaliges Zeugnis des Gebäudebaus mit Grey-Trägern aus den 60-iger Jahren darstellt und Bestandteil der Geschichte der hiesigen Stahlindustrie ist.

Kulturministerin Maggy Nagel unterstützte die Klassierung und schrieb gemäß den gesetzlichen Vorgaben einen Brief an die Stadt Differdingen und an ArcelorMittal, um deren Meinung zu hören. Dies teilte sie am letzten Montag, 27. Oktober 2014, in ihrer Antwort auf die parlamentarische Frage des Abgeordneten  Franz Fayot vom 12. September mit. Doch diese Briefe habe sie dann doch nicht abgeschickt, obwohl sie sie schon unterzeichnet hatte!

„Den Todeskampf nicht verlängern …“

Dies einerseits, so die Ministerin,  weil die Stadt Differdingen dem Ministerium mitgeteilt habe, dass sie in Unterredungen mit ArcelorMittal sei, um das Grundstück, auf dem der Hadir-Tower steht, zu kaufen und dort „eine größere Schulinfrastruktur“ zu errichten und, andererseits, weil das Ministerium in Erfahrung gebracht habe, dass kein Projekt vorliege, das den Kauf und die Erhaltung des Hadir-Towers vorsehe.

Und, so die Ministerin abschließend, „da die schulische Infrastruktur höchstwahrscheinlich realisiert wird, dies im Gegensatz zu irgendwelchen alternativen Übernahme- und Modernisierungspläne des Gebäudes, sehe ich keine Begründung für eine Intervention, die als alleinige Konsequenz hätte, den Todeskampf des Hadir-Turms zu verlängern.“ – Welch ein Zynismus! So wird Kulturpolitik und Denkmalschutz endgültig auf Stammtischniveau heruntergewirtschaftet; historische und kulturpolitische Argumente spielen keine Rolle, Biertischargumente geben den Ausschlag: weg mit dem Dreckseck! Platz für Modernes! – Oder gaben etwa doch handfeste privatwirtschaftliche Interessen den Ausschlag?!

Zahlreiche Widersprüche

„Fragen um Fragen“, schreibt tageblatt.lu am 28. Oktober 2014 und trifft damit genau den Punkt. Am 1. Oktober 2014 hatte der Differdinger Gemeinderat von déi Lénk, Gary Diderich, dem Gemeinderat nämlich in öffentlicher Sitzung vorgeschlagen, ein Moratorium für den Abriss des Gebäudes auszusprechen, ein Gesuch das mehrheitlich vom Gemeinderat abgelehnt wurde. „Offen bleibt aber“, schreibt tageblatt.lu, „warum der Differdinger Bürgermeister Roberto Traversini am 1. Oktober noch nicht darüber informiert gewesen sein wollte, dass die Cosimo sich einstimmig für den Erhalt des Hadir-Towers ausgesprochen hat, wie er in der vorletzten Gemeinderatssitzung erklärt hatte. Trotzdem hatte die Stadt Differdingen die Ministerin über ihr Vorhaben zum Bau des Lyzeums informiert und das obwohl sie ihren Brief noch nicht einmal weggeschickt hatte und der Bürgermeister /angeblich nichts von einer Klassierung wusste.“ Diese Frage bleibt bis heute unbeantwortet!

„Offen bleibt auch“,  schreibt tageblatt.lu  „wieso die Ministerin behauptet, es liege kein Projekt zur Erhaltung des Towers vor, obwohl der Bürgermeister bereits am 1. Oktober den Gemeinderat über ein Kaufangebot eines privaten Promotors in Kenntnis gesetzt hatte, der noch dazu den Turm erhalten wollte.“ Und „weiter bleibt offen, wie der Hadir-Tower den Bau des Lyzeums behindern kann, obwohl das Gebäude auf einem Teilgrundstück steht, das überhaupt nicht für den Bau des Differdinger Lyzeums benötigt wird …“

Schlussendlich bleibt offen, „weshalb die Antwort der Ministerin auf die parlamentarische Frage erst 15 Tage nach Ablauffrist und vier Tage bevor der endgültige Kaufvertrag unterschrieben wird“ erfolgt?!

Andere Interessen …

Mit dem Bau des Lyzeums hat der geplante Abriss des Hadir-Turms wenig bis gar nichts zu tun. Das Gelände, das ArcelorMittal an die Gemeinde verkaufen und das diese wiederum an den Staat zum Bau des Lyzeums weiterverkaufen will, ist viel grösser als  das Terrain, auf dem der Hadir-Turm steht. Eigentlich befindet sich das Gelände mit dem Hadir-Turm überhaupt nicht auf dem Gelände, wo das Lyzeum gebaut werden soll; vielmehr will die Gemeinde das Gelände mit dem Hadir-Turm zu eigenen Zwecken verwenden, und zwar zur Neugestaltung der so genannten „Eintrittspforte von Differdingen“. Sowohl der vorherige Bürgermeister Claude Meisch mit der DP, als auch der neue Bürgermeister, Robert Traversini (Gréng), haben sich für dieses Projekt stark gemacht. In wieweit hier auch Interessen von privaten Promotoren  mitspielen, bleibt zu klären…

Fakt bleibt, dass es durchaus möglich wäre, den Hadir-Turm zu erhalten und darin – nach der notwendigen Sanierung – Wohnungen und Büroräume einzurichten. Wieso soll das im Widerspruch zur Modernisierung  dieses Viertels stehen? Darauf gibt es auch keine Antwort… Also, weg mit dem Dreck?! Die Seilschaften der DP mit Unterstützung der Grünen machen‘s möglich. Und sicherlich wusste die Ministerin, dass der Kaufvertrag, den die Gemeinde mit ArcelorMittal abschließen wollte, vor ein paar Tagen unterschrieben wurde und dass dieser den schnellstmöglichen Abriss des Gebäudes vorsieht!

Darüber hinaus stellt sich die Frage, wieso der Brief der Kulturministerin an die Gemeinde nicht unmittelbar, nachdem die ‚Cosimo‘ sich einstimmig für die Einschreibung des Hadir-Turms ins „zusätzliche Inventar“ der nationalen Monumente ausgesprochen hatte, abgeschickt worden war. Dann hätte die Gemeinde nämlich vor Anfertigung des Kaufvertrages reagieren müssen. Und dann wäre die Politik der vollendeten Tatsachen, so wie die Gemeinde sie jetzt mit der Komplizenschaft der Kulturministerin durchsetzen will, nicht möglich gewesen!

Jetzt ist „Gefahr im Verzug“

Die Kulturministerin hätte auch heute noch durchaus die Möglichkeit, dieses wichtige architektonische Kultur- und Industriedenkmal zu retten. Das großherzogliche Reglement vom 17. März 1998, das die Ausführungsbestimmungen vom Gesetz vom 18. Juli 1983 über den Erhalt und den Schutz der nationalen Monumente festlegt, sieht nämlich in seinem Artikel 1, Abschnitt 2 ausdrücklich vor, dass der Gemeinderat sein Gutachten innerhalb von drei Monaten abgeben muss, „außer in dringenden Fällen oder wenn Gefahr im Verzug ist …“. Und wenn ein erhaltenswertes Gebäude vom Abriss bedroht ist, besteht Dringlichkeit, dann ist genau die „Gefahr im Verzug“, von der das großherzogliche Reglement vom 17. März 1998 spricht. Dass das Gebäude erhaltenswert ist, daran ließ die zuständige Kommission, deren Argumente bisher nicht widerlegt wurden, keinen Zweifel! Auch wenn dies den Modernisierungsbestrebungen einer Gemeindeführung widerspricht, die die soziale und industrielle Vergangenheit der eigenen Stadt und ihrer Vorfahren, begraben will …

Doch genau darin liegt der Wert des nationalen Denkmalschutzes: wichtige Monumente vor der Kurzsichtigkeit privater Promotoren und ihrer Helfershelfer zu schützen!

Justin Turpel, 31. Oktober 2014

 

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